Keine Region der Welt hat pro Kopf mehr Musikgattungen hervorgebracht als die Karibik. Die meisten entstanden aus derselben Verbindung — westafrikanische Rhythmik, europäische Harmonie, koloniale Instrumente — und gingen dann in ganz eigene Richtungen. Ein Führer nach Insel und Jahrzehnt.
Reggae (Jamaika, 1960er)
Aus Ska und Rocksteady entstanden: schwerer Bass, Gitarre und Keyboard auf dem Gegenschlag, Texte als Gesellschaftskommentar. Bob Marley machte die Gattung weltweit hörbar, Jimmy Cliff brachte sie ins Kino, Burning Spear hielt die rastafarische Wurzel, und Toots & The Maytals nahmen die erste Platte auf, die das Wort Reggae im Titel trug. Heute: Damian Marley, Chronixx, Protoje, Koffee. Hören: Tuff Gong Studios und das Bob-Marley-Museum in Kingston, sonntags Reggae am Strand von Negril.
Dancehall (Jamaika, 1980er)
Die schnellere, digitale Fortsetzung des Reggae. Sean Paul und Shaggy schafften den Übergang in die Charts, Vybz Kartel blieb der umstrittene König der Insel, dazu Sizzla, Beenie Man und Bounty Killer. Erlebbar auf Straßenpartys wie Passa Passa in Kingston.
Calypso (Trinidad und Tobago, ab den 1830ern)
Satirische Lieder afrikanischer Herkunft, in denen Politik verhandelt wurde, als es keine andere Bühne dafür gab. Lord Kitchener und Mighty Sparrow prägten die Form, Harry Belafonte verkaufte damit die erste Millionenplatte der Gattung. Die traditionelle Szene ist heute klein, im Karneval aber unverzichtbar.
Soca (Trinidad und Tobago, 1970er)
Soul plus Calypso: schneller, schwerer, zum Tanzen gemacht. Machel Montano steht seit über vierzig Jahren an der Spitze, dazu Patrice Roberts, Kes the Band, Voice und Iwer George. Der Soca Monarch wird jedes Jahr im Karneval gekrönt.
Steelpan (Trinidad und Tobago, 1930er)
Das einzige akustische Instrument, das im 20. Jahrhundert erfunden wurde — gebaut aus Ölfässern, gestimmt durch Hämmern. Beim Panorama-Wettbewerb treten Orchester mit weit über hundert Spielern an; zu hören bei Renegades, All Stars und Phase II Pan Groove.
Salsa (Kuba als Ursprung, New York als Form)
Son cubano, Mambo und Cha-Cha-Cha verbanden sich in den New Yorker 1960ern zur Salsa. Celia Cruz und Tito Puente gaben ihr Gesicht und Rhythmus, der Buena Vista Social Club holte die kubanische Tradition zurück ins Bewusstsein. Puerto Rico steuerte Marc Anthony und Gilberto Santa Rosa bei. In Havanna kostet eine Tanzstunde 10 bis 20 Dollar.
Son cubano und Rumba (Kuba)
Der Son ist die Wurzel der Salsa: Tres-Gitarre, Claves, Bongos, gespielt von Musikern wie Compay Segundo und Ibrahim Ferrer. Die Rumba dagegen ist reine afrokubanische Perkussion mit Tanz, in drei Tempi — Yambú langsam, Guaguancó mittel, Columbia schnell. Sonntagnachmittags im Callejón de Hamel in Havanna, ohne Eintritt.
Bachata und Merengue (Dominikanische Republik)
Bachata ist romantische Gitarrenmusik, lange als Musik der Armen abgetan und heute international: Romeo Santos, Aventura, Juan Luis Guerra, Prince Royce. Merengue ist der schnelle Zweivierteltakt und Nationalmusik des Landes. Tanzstunden in Santo Domingo und Cabarete, das Bachata-Festival im März.
Zouk und Compas (Französische Antillen und Haiti)
Die Band Kassav' erfand den Zouk auf Guadeloupe und Martinique in den 1980ern und beeinflusste damit Musik bis nach Brasilien. Der haitianische Compas ist älter, aus den 1950ern, und lebt in Gruppen wie Tabou Combo, Carimi und T-Vice.
Reggaeton (Puerto Rico, 1990er)
Reggae und Dancehall trafen auf Hip-Hop und lateinamerikanische Rhythmen. Daddy Yankee, Don Omar und Tego Calderón bauten die Gattung auf; Bad Bunny gehört seit Jahren zu den meistgestreamten Künstlern der Welt. Zu hören in den Clubs von San Juan und Condado.
Die kleineren Gattungen
Tumba ist die Karnevalsmusik Curaçaos, Goombay der Klang von Kuhglocken und Ziegenfelltrommeln bei den Junkanoo-Umzügen der Bahamas. Cadence-lypso entstand in den 1970ern auf Dominica, getragen von der Band Exile One. Spouge auf Barbados war die kurzlebigste von allen, erfunden von Jackie Opel und nach seinem Tod fast verschwunden.
Wo man live hört
- Kingston: Tuff Gong Studios, das Culture Yard in Trench Town
- Havanna: Casa de la Música in Centro und Miramar, Fábrica de Arte Cubano, Straßenrumba in Centro Habana
- Trinidad: Panorama und die Calypso-Zelte im Januar und Februar
- St. Lucia: das Jazzfestival im Mai, freitags das Jump-up in Gros Islet
- Barbados: Crop Over von Juni bis August, freitags der Fischgrill in Oistins
- Puerto Rico: La Placita in Santurce, freitagabends Salsa auf der Straße
Zehn Aufnahmen zum Anfangen
- Bob Marley & The Wailers — Redemption Song
- Toots & The Maytals — Pressure Drop
- Sean Paul — Get Busy
- Mighty Sparrow — Jean and Dinah
- Machel Montano — Like Ah Boss
- Renegades Steel Orchestra — Pan in A Minor
- Buena Vista Social Club — Chan Chan
- Celia Cruz — La Vida Es un Carnaval
- Juan Luis Guerra — Burbujas de Amor
- Kassav' — Zouk-La Sé Sèl Médikaman Nou Ni